Die Krone richten, den Blick verändern und gemeinsam weitergehen

Warum wir nicht nur für uns selbst kämpfen, sondern auch für andere etwas bewegen können.

Manchmal stellt uns das Leben vor Herausforderungen, die wir uns niemals ausgesucht hätten. Eine schwere Erkrankung, eine Krebsdiagnose, ein Sarkom, eine Amputation oder eine seelische Krise können unser Leben von einem Tag auf den anderen verändern. Plötzlich ist nichts mehr so, wie es einmal war. Pläne geraten ins Wanken, Sicherheiten verschwinden und Fragen tauchen auf, auf die wir zunächst keine Antworten finden.

Es gibt Tage, an denen wir mit unserem Schicksal hadern. Tage, an denen wir traurig, wütend oder einfach nur erschöpft sind. Tage, an denen wir uns fragen, warum ausgerechnet wir diese Herausforderung bewältigen müssen.

Und das ist menschlich. Wir müssen nicht immer stark sein. Wir dürfen zweifeln, weinen, Angst haben und uns auch einmal zurückziehen. Niemand muss jeden Tag lächeln, nur um anderen zu zeigen, dass er mit seiner Situation zurechtkommt.

Doch irgendwann stellt sich eine entscheidende Frage: Wollen wir uns ausschließlich von dem bestimmen lassen, was uns widerfahren ist, oder versuchen wir, unser Leben im Rahmen unserer Möglichkeiten wieder selbst mitzugestalten?

Diese Frage ist kein Vorwurf. Sie ist eine Einladung, den Blick zu verändern. Denn auch wenn wir nicht alles beeinflussen können, was uns das Leben abverlangt, können wir manchmal mehr bewegen, als wir zunächst glauben.

Die Krone richten und wieder nach vorne schauen

Wir kennen alle diesen Gedanken: Hinfallen, aufstehen, die Krone richten und weitergehen.

Das klingt einfach. In der Realität ist es manchmal verdammt schwer.

Manche Rückschläge brauchen Zeit. Manche Wunden sind nicht sofort verheilt. Und manchmal ist der nächste Schritt so klein, dass ihn von außen kaum jemand wahrnimmt.

Doch vielleicht ist genau dieser kleine Schritt der Anfang.

Es muss nicht gleich ein großer Erfolg sein. Vielleicht schaffen wir es, wieder vor die Tür zu gehen, einen Menschen anzurufen, uns Hilfe zu holen oder uns mit etwas zu beschäftigen, das uns Freude bereitet. Vielleicht finden wir nach einer schwierigen Zeit langsam wieder einen Rhythmus, der zu unserem Leben passt.

Und wenn es heute nicht gelingt, versuchen wir es vielleicht morgen erneut.

Dabei dürfen wir eines nicht vergessen: Nicht jeder kann nach einem Rückschlag sofort wieder aufstehen. Gerade bei einer Depression, einer schweren Erkrankung oder anhaltenden körperlichen Beschwerden kann schon der Alltag eine enorme Kraftanstrengung sein. Dann braucht es Verständnis, Unterstützung und manchmal professionelle Hilfe.

Es geht nicht darum, sich zusammenzureißen oder die eigenen Grenzen zu ignorieren. Es geht darum, sich selbst nicht vollständig aus dem Blick zu verlieren und dort, wo es möglich ist, wieder kleine Perspektiven zu entwickeln.

Wir müssen nicht jeden Tag gewinnen. Aber wir dürfen versuchen, uns selbst nicht aufzugeben.

Selbstmitleid darf sein, aber es sollte nicht unser ganzes Leben bestimmen

Nach einem schweren Schicksalsschlag ist es verständlich, zunächst auf das zu schauen, was verloren gegangen ist. Vielleicht können wir unseren Beruf nicht mehr wie früher ausüben. Vielleicht sind sportliche Aktivitäten nicht mehr möglich. Vielleicht hat sich unser Körper verändert oder unser Alltag ist von Behandlungen, Schmerzen und Unsicherheiten geprägt.

Es ist vollkommen in Ordnung, darüber traurig zu sein. Wir müssen Verluste nicht schönreden und dürfen uns Zeit nehmen, mit ihnen umzugehen.

Doch wenn wir irgendwann ausschließlich auf das schauen, was nicht mehr funktioniert, übersehen wir möglicherweise, was noch möglich ist.

Vielleicht ist unser ursprünglicher Weg nicht mehr begehbar. Vielleicht müssen wir unsere Ziele verändern oder uns von Vorstellungen verabschieden, die einmal selbstverständlich waren.

Aber bedeutet das automatisch, dass es keinen anderen Weg mehr gibt?

Ich glaube, genau hier lohnt es sich, innezuhalten und die eigene Situation noch einmal zu betrachten.

Nicht, um die eigenen Gefühle zu verdrängen. Nicht, um sich selbst unter Druck zu setzen. Sondern um herauszufinden, welche Möglichkeiten noch da sind und wie wir sie nutzen können.

Denn wir sind mehr als unsere Diagnose. Wir sind mehr als unsere Einschränkungen und mehr als das, was uns widerfahren ist.

Wir dürfen um das trauern, was verloren gegangen ist, und gleichzeitig neugierig auf das werden, was vielleicht noch vor uns liegt.

Über den eigenen Tellerrand schauen – manchmal beginnt dort ein neuer Weg

Manchmal sind wir so sehr in unserer eigenen Situation gefangen, dass wir nur noch die Hindernisse sehen. Wir wissen genau, was nicht mehr geht, was schwierig geworden ist und worauf wir verzichten müssen.

Doch wie oft stellen wir uns die Frage, was unter unseren jetzigen Voraussetzungen vielleicht trotzdem möglich wäre?

Was wäre, wenn wir unsere Situation einmal aus einem anderen Blickwinkel betrachten würden? Wenn wir nicht nur fragen, warum etwas nicht funktioniert, sondern überlegen, wie es auf eine andere Weise funktionieren könnte?

Vielleicht entdecken wir dadurch Möglichkeiten, die wir vorher gar nicht wahrgenommen haben.

Ein anderer Weg muss nicht schlechter sein. Er muss nicht genauso aussehen wie der Weg, den wir ursprünglich geplant hatten. Manchmal führt er uns sogar zu neuen Erfahrungen, Begegnungen und Zielen, an die wir vorher niemals gedacht hätten.

Natürlich lässt sich nicht jedes Hindernis beseitigen. Manche gesundheitlichen Einschränkungen bleiben bestehen. Manche Verluste können wir nicht rückgängig machen. Und manche Situationen lassen sich nicht so lösen, wie wir es uns wünschen.

Aber auch dann kann ein Perspektivwechsel helfen, einen neuen Umgang mit der Situation zu finden.

Wer nur auf das Hindernis schaut, übersieht manchmal den Weg, der daran vorbeiführt.

Ich möchte deshalb dazu ermutigen, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen, andere Erfahrungen kennenzulernen und auch einmal Gedanken zuzulassen, die nicht den eigenen bisherigen Vorstellungen entsprechen.

Vielleicht hat ein anderer Mensch eine Idee, auf die wir selbst nicht gekommen wären. Vielleicht zeigt uns ein Gespräch eine neue Möglichkeit. Und vielleicht merken wir, dass wir nicht den alten Weg zurückbekommen müssen, um wieder etwas Wertvolles in unserem Leben zu finden.

Manchmal ist nicht die Situation selbst sofort veränderbar, sondern zunächst unser Blick auf die Möglichkeiten, die uns noch offenstehen.

Das kann ein Anfang sein.

Es gibt Herausforderungen, für die wir einen Weg suchen können

Ich persönlich versuche, nicht bei jedem Hindernis stehenzubleiben und es ausschließlich als Problem zu betrachten. Ich möchte nach einem Weg suchen, nach einer Möglichkeit, nach einer Lösung oder zumindest nach einem besseren Umgang mit der Situation.

Dabei ist mir bewusst, dass nicht jede Herausforderung vollständig lösbar ist. Eine Erkrankung verschwindet nicht allein durch eine positive Einstellung. Eine Amputation lässt sich nicht rückgängig machen, und auch eine Depression kann nicht einfach durch Willenskraft überwunden werden.

Aber häufig können wir innerhalb unserer Möglichkeiten etwas verändern.

Vielleicht brauchen wir eine andere Herangehensweise. Vielleicht Unterstützung von außen. Vielleicht technische Hilfsmittel, medizinische Begleitung, psychologische Hilfe oder einfach Menschen, mit denen wir gemeinsam nachdenken können.

Und vielleicht müssen wir lernen, ein Ziel anders zu erreichen, als wir es ursprünglich geplant hatten.

Für mich bedeutet Eigenverantwortung deshalb nicht, dass wir für alles selbst verantwortlich sind. Es bedeutet, dort aktiv zu werden, wo wir Einfluss nehmen können, und uns Unterstützung zu holen, wo wir allein nicht weiterkommen.

Nicht jedes Problem lässt sich beseitigen. Aber manchmal lässt sich eine Herausforderung anders angehen, als wir es zunächst für möglich gehalten haben.

Und genau deshalb sollten wir uns und anderen die Chance geben, neue Wege zu entdecken.

Mein eigener Weg ist kein Maßstab für andere

Vielleicht schauen manche Menschen auf mich, auf meine Amputation, meine sportlichen und körperlichen Aktivitäten und darauf, wie ich mit meiner eigenen Geschichte umgehe.

Vielleicht fragen sie sich, woher ich die Kraft nehme, was mich antreibt oder wie ich es schaffe, trotz meiner persönlichen Herausforderungen aktiv zu bleiben und mich zusätzlich für die Selbsthilfe einzusetzen.

Deshalb möchte ich etwas ganz deutlich sagen: Bitte nehmt mich nicht als Maßstab für euren eigenen Weg.

Meine Geschichte ist meine Geschichte. Meine körperlichen Voraussetzungen, meine Erfahrungen, meine Ziele und meine Art, mit schwierigen Situationen umzugehen, gehören zu mir.

Was für mich möglich ist, muss für einen anderen Menschen nicht möglich sein. Was mir Kraft gibt, kann jemand anderen überfordern. Und nur weil ich bestimmte Dinge trotz meiner Amputation tun kann, bedeutet das nicht, dass jeder Mensch dieselben Möglichkeiten haben muss.

Manche Menschen können weiterhin arbeiten, Sport treiben und sich engagieren. Andere müssen ihre gesamte Kraft auf die Bewältigung ihres Alltags konzentrieren. Wieder andere kämpfen mit Schmerzen, Erschöpfung, seelischen Belastungen oder Einschränkungen, die von außen kaum jemand erkennt.

Das macht niemanden weniger stark und niemanden weniger wertvoll.

Ich möchte niemandem das Gefühl geben, er müsse nur genügend Willenskraft aufbringen, um alles schaffen zu können. So einfach ist das Leben nicht.

Wenn ich andere motivieren möchte, dann nicht, damit sie mich nachahmen. Ich möchte ihnen zeigen, dass es sich lohnen kann, die eigenen Möglichkeiten zu entdecken, neue Perspektiven zuzulassen und sich selbst nicht vorschnell aufzugeben.

Vielleicht bedeutet das für einen Menschen, wieder sportlich aktiv zu werden. Für einen anderen bedeutet es, sich Hilfe zu holen, wieder Kontakt zu anderen Menschen aufzunehmen oder einen neuen Weg im Alltag zu finden.

Und manchmal ist der wichtigste Schritt, sich einzugestehen, dass man gerade nicht allein weiterkommt.

Es geht nicht darum, so stark zu sein wie jemand anderes. Es geht darum, den eigenen Weg zu finden und sich dabei nicht mit anderen messen zu müssen.

Wenn meine Geschichte jemandem Mut macht, freut mich das von Herzen. Aber niemand muss so leben wie ich, um ein erfülltes Leben führen oder etwas Wertvolles beitragen zu können.

Wir alle haben unterschiedliche Voraussetzungen. Und genau deshalb brauchen wir Verständnis füreinander, statt uns miteinander zu vergleichen.

Unsere Selbsthilfegruppe – mehr als nur ein Ort zum Reden

Wenn ich an unsere Selbsthilfe denke, sehe ich nicht einfach eine Gruppe von Menschen, die eine ähnliche Erkrankung haben.

Ich sehe Menschen mit unterschiedlichen Geschichten, Erfahrungen und Fähigkeiten. Menschen, die wissen, wie sich Angst anfühlen kann. Menschen, die Rückschläge erlebt haben. Menschen, die manchmal selbst Unterstützung benötigen und trotzdem bereit sind, anderen etwas mitzugeben.

Eine Selbsthilfegruppe kann ein Ort sein, an dem jemand nach einer Diagnose zum ersten Mal wieder durchatmet. Ein Ort, an dem Fragen gestellt werden dürfen, ohne sich dafür schämen zu müssen. Ein Ort, an dem Erfahrungen geteilt werden und man merkt, dass man mit seinen Gedanken und Sorgen nicht allein ist.

Doch Selbsthilfe bedeutet für mich noch mehr.

Sie bedeutet, dass wir nicht nur darauf warten, Unterstützung zu bekommen, sondern gemeinsam versuchen, etwas aufzubauen, das auch für andere Menschen da ist.

Wir können Informationen weitergeben, Gespräche ermöglichen, Kontakte herstellen und Menschen miteinander verbinden. Wir können Erfahrungen nutzen, um anderen den Einstieg in eine schwierige Lebensphase ein wenig zu erleichtern.

Dabei muss niemand alles können. Nicht jeder muss organisieren, Verantwortung übernehmen oder ständig erreichbar sein.

Aber jeder kann, soweit es seine persönliche Situation erlaubt, etwas beitragen.

Vielleicht ist es ein Gespräch. Vielleicht eine gute Idee. Vielleicht die Bereitschaft, einen neuen Menschen willkommen zu heißen oder jemandem zuzuhören, der gerade nicht weiterweiß.

Eine Gemeinschaft wird nicht dadurch stark, dass jeder alles leistet. Sie wird stark, wenn Menschen mit unterschiedlichen Möglichkeiten füreinander da sind.

Nils, Brigitte und ich – unterschiedliche Aufgaben, ein gemeinsames Ziel

Wenn ich auf unsere Arbeit schaue, denke ich an die Menschen, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen und ihre Zeit in die Selbsthilfe zu investieren.

Nils kümmert sich um Thüringen. Brigitte engagiert sich für Sachsen. Und ich versuche, Mitteldeutschland zusammenzubringen, die verschiedenen Grüppchen unter einen Hut zu bekommen, Verbindungen zu schaffen und unsere gemeinsame Arbeit weiterzuentwickeln.

Wir übernehmen unterschiedliche Aufgaben, aber uns verbindet ein gemeinsamer Gedanke: Menschen mit Sarkomen und ihre Angehörigen sollen wissen, dass es Anlaufstellen gibt, dass sie Fragen stellen dürfen und dass sie nicht alles allein bewältigen müssen.

Hinter diesen Aufgaben stehen Menschen, die selbst ein Leben haben. Menschen, die ihren beruflichen Alltag bewältigen, Verpflichtungen nachkommen und ihre eigenen Herausforderungen tragen.

Manche gehen Vollzeit arbeiten und setzen sich zusätzlich für die Selbsthilfe ein. Nach einem langen Arbeitstag warten vielleicht noch Nachrichten, organisatorische Fragen, Gespräche oder neue Ideen, um die man sich kümmern möchte.

Auch wir sind nicht jeden Tag gleich belastbar. Auch wir haben Grenzen. Und auch wir brauchen Zeit, um uns auszuruhen und Kraft zu sammeln.

Umso mehr schätze ich es, wenn Menschen trotz ihrer eigenen Belastungen bereit sind, etwas für andere zu tun.

Denn wir könnten unsere freie Zeit ausschließlich für uns selbst nutzen. Wir könnten nach Feierabend sagen, dass wir genug geleistet haben.

Und natürlich dürfen wir das auch.

Doch wir entscheiden uns immer wieder dafür, einen Teil unserer Zeit in etwas zu investieren, das über uns selbst hinausgeht.

Nicht, weil wir keine eigenen Probleme hätten. Sondern weil uns die Menschen am Herzen liegen, für die wir diese Arbeit machen.

Es ist nicht immer einfach, unterschiedliche Persönlichkeiten, Vorstellungen und Gruppen zusammenzubringen. Manchmal braucht es Geduld, manchmal Gespräche und manchmal den Mut, neue Wege auszuprobieren.

Doch ich wünsche mir, dass wir bei all den unterschiedlichen Aufgaben unseren gemeinsamen Gedanken nicht aus den Augen verlieren.

Wir müssen nicht alle gleich sein. Wir müssen nicht immer einer Meinung sein. Aber wir können miteinander arbeiten, einander respektieren und Verbindungen schaffen, von denen möglichst viele Menschen profitieren.

Wir müssen nicht alle denselben Weg gehen. Aber wir können dafür sorgen, dass unsere Wege miteinander verbunden bleiben.

Unsere Zeit ist wertvoll – und wir schenken einen Teil davon anderen

Von außen sieht man vielleicht ein Treffen, einen Beitrag, eine Nachricht oder eine Information auf unserer Website.

Was man häufig nicht sieht, ist die Zeit, die dahintersteckt.

Die Gedanken, die wir uns machen. Die Gespräche, die wir führen. Die Fragen, für die wir Antworten suchen. Die organisatorischen Aufgaben, die erledigt werden müssen. Und die Überlegungen, wie wir noch mehr Menschen erreichen können.

Manchmal sitzen wir nach einem langen Arbeitstag noch am Schreibtisch. Manchmal beantworten wir Nachrichten, obwohl wir eigentlich müde sind. Manchmal überlegen wir, wie wir eine Idee umsetzen oder eine schwierige Situation besser begleiten können.

Und manchmal nehmen wir die Geschichten anderer Menschen mit in unseren Feierabend, weil uns beschäftigt, wie es ihnen geht und ob wir etwas tun können.

Das geschieht nicht, weil wir dafür eine Gegenleistung erwarten. Wir tun es, weil wir wissen, wie viel ein offenes Ohr, eine hilfreiche Information oder ein ehrliches Gespräch bedeuten können.

Stell dir vor, jemand erhält gerade die Diagnose Sarkom. Die Gedanken überschlagen sich. Die Zukunft erscheint ungewiss. Vielleicht hat die Person noch nie zuvor von dieser Erkrankung gehört und weiß nicht, an wen sie sich wenden soll.

Und dann ist da jemand, der sich Zeit nimmt.

Jemand, der zuhört, Erfahrungen teilt und nicht sofort mit fertigen Antworten kommt. Jemand, der sagt: Ich kann dir nicht alle Sorgen nehmen, aber du musst diesen Weg nicht allein gehen.

Vielleicht ist es nur ein Gespräch von einer halben Stunde. Für den Menschen, der gerade verzweifelt ist, kann es trotzdem einen Unterschied machen.

Wir investieren unsere Zeit nicht nur für die Menschen, die heute zu uns gehören. Wir tun es auch für diejenigen, die morgen vielleicht zum ersten Mal unsere Hilfe suchen.

Das ist für mich einer der wichtigsten Gründe, warum sich unsere Arbeit lohnt.

Wir wollen nicht nur selbst Licht finden, sondern es weitergeben

Ich wünsche mir, dass wir mit unserer Selbsthilfe nicht nur Informationen vermitteln, sondern auch etwas von unserer Haltung weitergeben.

Den Mut, Dinge anzupacken. Die Bereitschaft, über den eigenen Tellerrand zu schauen. Die Offenheit, neue Wege auszuprobieren. Und den Gedanken, dass wir gemeinsam häufig Möglichkeiten entdecken können, die wir allein nicht gesehen hätten.

Unsere positive Einstellung soll andere Menschen erreichen und sie im besten Sinne mitreißen.

Nicht, indem wir ihnen sagen, sie müssten nur positiv denken. Nicht, indem wir ihre Sorgen kleinreden oder erwarten, dass sie genauso handeln wie wir.

Sondern indem wir vorleben, was Zusammenhalt bedeuten kann.

Wenn wir gemeinsam Ideen entwickeln, Schwierigkeiten offen ansprechen und nach Lösungen suchen, können andere erleben, dass es sich lohnt, nicht sofort aufzugeben.

Vielleicht sieht jemand unser Engagement und denkt: Ich kann zwar nicht so viel machen, aber einen kleinen Beitrag könnte auch ich leisten.

Vielleicht traut sich jemand, wieder Kontakt aufzunehmen. Vielleicht entsteht aus einem Gespräch eine neue Idee. Vielleicht findet ein Mensch durch unsere Gemeinschaft einen neuen Blickwinkel auf seine eigene Situation.

Und vielleicht geben wir dadurch etwas weiter, das sich nicht in Zahlen messen lässt: Mut, Vertrauen und das Gefühl, nicht vergessen zu sein.

Wir wollen niemanden dazu bringen, so zu sein wie wir. Wir wollen Menschen ermutigen, ihren eigenen Weg zu finden und dabei zu entdecken, dass sie nicht allein sind.

Denn manchmal reicht ein kleiner Funke, damit jemand wieder den Mut findet, den nächsten Schritt zu gehen.

Nicht nur nehmen, sondern auch geben

Natürlich dürfen wir unsere Selbsthilfe nutzen, wenn wir selbst Unterstützung brauchen. Dafür ist sie da.

Wir dürfen Fragen stellen, uns Rat holen, über Ängste sprechen und uns von anderen Menschen auffangen lassen. Niemand muss sich dafür schuldig fühlen.

Aber vielleicht können wir uns hin und wieder auch fragen: Was kann ich selbst zu dieser Gemeinschaft beitragen?

Nicht aus Verpflichtung. Nicht aus schlechtem Gewissen. Sondern aus dem Gedanken heraus, dass wir gemeinsam etwas erhalten und weiterentwickeln können, das für viele Menschen wichtig ist.

Vielleicht haben wir Erfahrungen gemacht, die anderen helfen. Vielleicht können wir eine Information weitergeben. Vielleicht können wir jemanden willkommen heißen oder eine Idee unterstützen.

Und vielleicht können wir auch einfach einmal fragen, wie es einem anderen Menschen wirklich geht.

Es muss nicht immer etwas Großes sein.

Eine Gemeinschaft lebt nicht allein von den Menschen, die besonders viel organisieren. Sie lebt auch von den vielen kleinen Beiträgen, die im Alltag oft selbstverständlich erscheinen.

Dabei darf jeder seine eigenen Grenzen haben. Wer selbst gerade viel durchmacht, muss nicht zusätzlich Verantwortung übernehmen. Wer Kraft braucht, darf sie sich nehmen.

Aber wenn wir etwas geben können, ohne uns selbst dabei zu verlieren, kann daraus etwas Wertvolles entstehen.

Vielleicht hat uns einmal jemand geholfen, als wir selbst nicht weiterwussten. Vielleicht hat uns ein Gespräch Mut gemacht oder uns eine neue Perspektive eröffnet.

Wenn wir später selbst die Möglichkeit haben, etwas davon weiterzugeben, kann aus einer persönlichen Erfahrung eine Hilfe für andere werden.

Wir dürfen Hilfe annehmen, und wir dürfen Hilfe weitergeben. Beides gehört zur Selbsthilfe.

Wenn wir den Blick verändern, können wir gemeinsam neue Möglichkeiten entdecken

Manchmal braucht es einen Menschen, der uns von außen betrachtet und eine Frage stellt, auf die wir selbst nicht gekommen wären.

Manchmal brauchen wir Abstand, um unsere eigene Situation neu zu bewerten. Und manchmal hilft es, mit Menschen zu sprechen, die andere Erfahrungen gemacht haben.

Genau darin sehe ich auch eine große Stärke unserer Gemeinschaft.

Wir bringen unterschiedliche Lebenswege, Erfahrungen und Sichtweisen zusammen. Was für einen Menschen funktioniert hat, muss für den anderen nicht passen. Aber es kann einen Gedanken anstoßen, der eine neue Möglichkeit eröffnet.

Vielleicht entdeckt jemand eine andere Art, seinen Alltag zu organisieren. Vielleicht findet jemand durch den Austausch den Mut, eine Frage beim Arzt anzusprechen. Vielleicht erkennt jemand, dass ein ursprüngliches Ziel verändert werden darf, ohne dass damit alle Hoffnungen verloren gehen.

Wir können einander keine fertigen Lösungen für jede Lebenssituation versprechen. Aber wir können miteinander nach Wegen suchen.

Und manchmal ist genau das der entscheidende Unterschied: Nicht mehr allein vor einem Hindernis zu stehen, sondern gemeinsam zu überlegen, welche Möglichkeiten es noch gibt.

Ein Perspektivwechsel verändert nicht immer unsere Situation. Aber er kann uns helfen, Möglichkeiten zu erkennen, die wir vorher nicht gesehen haben.

Deshalb sollten wir einander zuhören, offen bleiben und uns gegenseitig ermutigen, neue Wege zu entdecken.

Nicht jeder Weg wird leicht sein. Nicht jede Idee wird funktionieren. Aber wir dürfen ausprobieren, dazulernen und unsere Vorstellungen verändern.

Denn manchmal liegt die Chance nicht darin, alles wieder so zu machen wie früher. Manchmal liegt sie darin, etwas Neues zu entdecken.

An alle, die sich engagieren: Euer Einsatz zählt

Vielleicht wird nicht immer gesehen, wie viel Zeit jemand investiert. Vielleicht bleibt ein Dankeschön aus. Vielleicht gibt es Tage, an denen man sich fragt, ob die ganze Mühe überhaupt etwas bewirkt.

Dann möchte ich daran erinnern, für wen wir das alles tun.

Wir tun es für die Menschen, die nach einer Diagnose plötzlich vor einer ungewissen Zukunft stehen.

Für diejenigen, die Fragen haben und nicht wissen, an wen sie sich wenden sollen.

Für die Menschen, die Angst haben, sich einsam fühlen oder einfach jemanden brauchen, der zuhört.

Und wir tun es für eine Gemeinschaft, die auch in Zukunft für andere da sein soll.

Jeder Anruf, jedes Gespräch, jede investierte Stunde und jede gute Idee kann etwas bewirken. Vielleicht erfahren wir nie, wie viel Mut wir einem Menschen gegeben haben. Vielleicht sehen wir nicht, welche Wirkung eine Information entfaltet, die wir geteilt haben.

Aber nur weil wir nicht alles sehen, bedeutet das nicht, dass es keine Wirkung hat.

Gleichzeitig dürfen wir nicht vergessen, auf uns selbst zu achten. Wir müssen nicht ständig funktionieren. Wir dürfen Aufgaben teilen, Grenzen setzen und uns Pausen gönnen.

Denn auch diejenigen, die anderen Kraft geben, brauchen manchmal selbst jemanden, der ihnen zuhört.

Wir müssen uns nicht aufopfern, um für andere da zu sein. Aber wir können mit dem, was uns möglich ist, etwas bewirken.

Und genau das verdient Anerkennung.

Mein Wunsch für unsere Gemeinschaft

Ich wünsche mir, dass wir weiterhin zusammenhalten, auch wenn wir unterschiedliche Persönlichkeiten, Vorstellungen und Aufgaben haben.

Dass wir nicht vergessen, warum wir angefangen haben.

Dass wir nicht gegeneinander arbeiten, sondern miteinander. Dass wir unsere Erfahrungen teilen, neue Perspektiven zulassen und gemeinsam nach vorne schauen.

Nils für Thüringen, Brigitte für Sachsen und ich für Mitteldeutschland – wir übernehmen unterschiedliche Aufgaben, aber wir verfolgen einen gemeinsamen Gedanken: Menschen mit Sarkomen und ihre Angehörigen sollen erfahren, dass es Unterstützung gibt und dass sie mit ihren Sorgen nicht allein bleiben müssen.

Ich wünsche mir, dass wir unsere verschiedenen Grüppchen nicht nur als einzelne Anlaufstellen sehen, sondern als Teile einer Gemeinschaft, die voneinander lernen und sich gegenseitig stärken kann.

Dass wir Ideen miteinander teilen, Verbindungen schaffen und uns auch dann an unserem gemeinsamen Ziel orientieren, wenn der Weg dorthin einmal schwierig wird.

Und ich wünsche mir, dass unsere Haltung Kreise zieht.

Dass Menschen erleben, wie viel entstehen kann, wenn man nicht nur auf das schaut, was nicht funktioniert, sondern gemeinsam nach Möglichkeiten sucht.

Dass wir einander Mut machen, ohne Druck auszuüben. Dass wir unsere Grenzen respektieren, ohne unsere Möglichkeiten vorschnell aufzugeben. Und dass wir nicht vergessen, wie wertvoll es sein kann, einem anderen Menschen das Gefühl zu geben, nicht allein zu sein.

Zum Schluss: Wir richten unsere Krone – und reichen anderen die Hand

Das Leben hat uns nicht immer gefragt, ob wir bereit sind für das, was kommt. Viele von uns hätten sich einen anderen Weg gewünscht.

Doch wir können versuchen, aus unseren Erfahrungen etwas entstehen zu lassen, das über uns selbst hinausgeht.

Wir können unsere Krone richten, wenn wir gefallen sind. Wir können uns helfen lassen, wenn wir allein nicht weiterkommen. Wir können unseren Blick verändern und neue Wege entdecken.

Und wenn wir wieder Kraft gefunden haben, können wir uns umsehen und erkennen, dass vielleicht jemand neben uns steht, der gerade unsere ausgestreckte Hand braucht.

Wir müssen nicht die Welt retten. Wir müssen nicht jeden Tag Großes leisten. Und wir müssen auch nicht alle dieselben Möglichkeiten haben.

Aber wir können zuhören, Zeit investieren, Erfahrungen teilen und Menschen miteinander verbinden.

Wir können unsere positive Einstellung vorleben, ohne von anderen zu verlangen, genauso zu sein wie wir. Wir können Herausforderungen annehmen, ohne Schwierigkeiten kleinzureden. Und wir können gemeinsam nach Lösungen suchen, auch wenn der erste Weg nicht funktioniert.

Denn Selbsthilfe bedeutet für mich nicht nur, selbst wieder auf die Beine zu kommen.

Selbsthilfe bedeutet auch, die Hand auszustrecken, wenn ein anderer Mensch nicht mehr weiterweiß. Zeit zu investieren, obwohl der eigene Alltag voll ist. Verantwortung zu übernehmen, soweit es die eigenen Kräfte zulassen. Und gemeinsam etwas aufzubauen, das Menschen Halt, Orientierung und Hoffnung geben kann.

Wir alle haben unsere Geschichte. Wir alle haben unsere Grenzen. Und wir alle dürfen einmal schwach sein.

Aber gemeinsam können wir etwas schaffen, das keiner von uns allein schaffen könnte.

Wir richten unsere Krone. Wir verändern unseren Blick. Wir reichen einander die Hand. Und wir investieren unser Herz und unsere Zeit – nicht nur für uns selbst, sondern auch für all die Menschen, die unseren Weg noch kreuzen werden.

Vielleicht können wir nicht jedes Hindernis aus dem Weg räumen. Aber wir können gemeinsam nach einem Weg suchen. Vielleicht können wir nicht jedem Menschen seine Angst nehmen. Aber wir können dafür sorgen, dass er damit nicht allein bleiben muss.

Und vielleicht gelingt es uns, nur einem einzigen Menschen das Gefühl zu geben, verstanden, willkommen und nicht vergessen zu sein.

Dann hat sich unsere Mühe bereits gelohnt.

Denn am Ende zählt nicht nur, wie wir selbst unseren Weg gehen. Es zählt auch, wie wir miteinander umgehen, wen wir unterwegs ermutigen und was wir gemeinsam für andere Menschen bewirken.

Wir sind nicht unverwundbar. Wir sind nicht jeden Tag stark. Und wir müssen nicht alles allein schaffen. Aber wir können füreinander da sein, voneinander lernen und gemeinsam mehr bewegen, als wir manchmal glauben.

Lasst uns deshalb nicht nur auf das schauen, was uns trennt oder was nicht mehr möglich ist. Lasst uns auch auf das schauen, was wir gemeinsam gestalten können.

Die Krone richten. Den Blick verändern. Die Hand ausstrecken. Und gemeinsam weitergehen.

Für uns selbst. Für unsere Gemeinschaft. Und für jeden Menschen, der morgen bei uns anklopft und ein wenig Hoffnung gebrauchen kann.

Vielen Dank

Micha

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